‘Schwimmen am Limit’ (Lëtzebuerger Journal)

LUXEMBURG
DANIEL OLY

Extremschwimmer Guy Bertemes will seinen eigenen Rekord knacken

Mal eben ein paar Runden im Becken ziehen, die Seele baumeln lassen, den Kopf frei kriegen – aus solchen Gründen gehen wir für gewöhnlich schwimmen. Wir dürften dabei aber kaum auf die Idee kommen, in 24 Stunden so viele Bahnen wie möglich im Becken zu ziehen. Aber genau das tut Guy Bertemes. Seine Idee eines entspannten Feierabends, als wir uns zum Gespräch treffen? Zweieinhalb Stunden Training im Becken des Schwimmbads in Niederanven. Vorbereitung für seinen Sport: Das Langstreckenschwimmen. „Lockeres Training“, meint er nur, als wir uns zum Gespräch hinsetzen.

„Mein nächster Wettbewerb, ein 24-Stunden-Event, steht bereits im Januar an“, erklärt Bertemes. Erneut gehe es dabei über die volle Distanz – wobei Distanz das falsche Wort sein dürfte. Stattdessen haben die Teilnehmer des Events ganze 24 Stunden Zeit, so viele Kilometer wie möglich zu absolvieren. „Bei diesen Wettbewerben darf dann auch jeder mitmachen“, erklärt er. „Ein absoluter Breitensport, bei dem man individuell seine Kilometer abspulen kann und ein Laie praktisch mit einem Weltrekordhalter in einem Event antreten darf.“ So schwimme jeder sein Tempo und seinen Rhythmus, gehe aus dem Wasser wenn eine Pause nötig ist – und mache dann weiter. „Wer natürlich gut platziert werden will, macht nur wenige Pausen“, meint Bertemes.

50 Kilometer mit Luft nach oben

In dem Sport gibt es so auch National- und Weltrekorde. Die Spitze liege so derzeit bei knapp 101 Kilometern in 24 Stunden bei den Männern und knapp 96 Kilometern bei den Damen – und die Damenweltrekordhalterin gab sich zuletzt gar zuversichtlich, auch über 100 Kilometer schwimmen zu können. „Überhaupt ist es eine Sportart, bei der auch Frauen vorn mitspielen; sie gewinnen meist die Gesamtwertung bei den Events“, erklärt er. „Das sicher auch, weil es kein reiner Kraftsport ist, sondern eben auch eine Mentalitätssache“, ist er sich sicher.

Sein bislang bestes persönliches Resultat: 50 Kilometer in 24 Stunden. Das macht Bertemes im Großherzogtum durchaus zu einem Unikat. „Es gibt sicher viele die schneller schwimmen als ich“, betont er. „Aber mir ist zumindest niemand bekannt, der so lange schwimmt.“ Einen Nationalrekord stellt er damit aber offiziell nicht – „Die Föderation hat ihn bislang nicht anerkannt“, erklärt er. Das sei aber ohnehin für ihn nicht ganz so wichtig. „Ich schwimme, weil ich Spaß habe – nicht ausschließlich, um Rekorde zu stellen“, meint Bertemes. „Ich mache es für mich selbst, um meine eigenen Grenzen auszuloten.“ So hat er auch eine vollständige Bodensee-Querung abgelegt, und sich auch international bei Wettbewerben bislang gut platziert.

Weil es keine offizielle Richtlinie für den Sport gibt, sieht auch das Training selbst ganz individuell aus, wie der Extremschwimmer erklärt: „Mal geht das Training knapp zweieinhalb Stunden, mal dauert es länger, mal kürzer“, meint er im Gespräch. Die totale Distanz und Dauer hänge denn auch stark von der Tagesform und persönlichen Motivation ab. „Natürlich gibt es auch selbst gesetzte ,Schlüsseleinheiten‘, die ich im Training absolvieren muss, um mich bestens vorzubereiten“, sagt Bertemes. „Ich trainiere eigentlich immer alles ein wenig“; meint er mit Blick auf seine Trainingssitzungen, in denen er auch dann und wann mit anderen Schwimmern im Tempo mitgehe. „Aber spezifische Vorbereitungen für bestimmte Events sind natürlich auch erforderlich.“ Das werde dann vor den Wettbewerben umso intensiver. Deshalb ist er auch im X3M-Club in Mersch Mitglied geworden, um Trainingspartner zu haben. „Da pusht dann einer den anderen; das ist ein Plus bei der Motivation“, erklärt er.

Organisatorisch ist die Teilnahme an den Wettbewerben ohnehin bereits ein Akt; Bertemes organisiert sich alles selbst. „Ich habe keinen Coach, habe mir Sponsoren wie Asport, ImmoM2, Nutribay, Roude Léiw Bounekaffi, oder den Frisör Hairconnection selbst verschaffen müssen“, meint er. Auch, was seine Verpflegung anbelangt. „Essen bei Wellengang ist so eine Sache, und ich bin da noch auf der Suche danach, welche Methode mir am ehesten passt“, verrät er. „Ich bin ja noch in der Lernphase.“ Besonders bei den 24-Stunden-Wettbewerben sei es wichtig, die Verpflegung zu perfektionieren. „Esse ich nicht genug, ist es schlecht“, meint Bertemes. „Zuviel auf einmal oder zu große Bissen sind aber auch keine Lösung.“ So arbeitet er daran, künftig kleine mundgerechte Happen vorzubereiten. „Das sollte dann besser gehen“, erklärt er.

Wagnis im offenen Gewässer

Schließlich macht er erst seit rund einem Jahr wirklich ernst. „Derzeit liege ich bei 49,950 Metern“, sagt Bertemes. „Aber da ist noch sehr viel Luft nach oben.“ Zudem erhält er viel Unterstützung von seiner Familie; „Events werden so gemeinsam zu einem Familienerlebnis, wo wir irgendwo hin reisen“, erklärt er. „Der Support ist da, wir haben gemeinsam Spaß daran.“ Deshalb sprach er auch allen Unterstützern, allen voran seiner Familie, einen großen Dank aus. Es sei teilweise schwer zu vermitteln, was an dem Sport so faszinierend ist. „Deshalb danke ich all denen, die von Anfang an zu mir gehalten haben.“

Beruflich ist er als Unteroffizier im Gefängnis aktiv. Warum also genau dieser Sport? „Ich bin früher schon sehr viel und gern geschwommen, habe Triathlons absolviert – das Schwimmen hat mir also schon immer viel Spaß bereitet“, meint er. Dann sei er zum ersten Mal bei einem Ausdauer-Event angetreten: Einem 100 mal 100 Meter-Wettbewerb in Hamburg. „Das hat mich dann so richtig angefixt“, erklärt Bertemes. „Damals war ich danach richtig fertig, obwohl die Distanz inzwischen ein Klacks für mich wäre“, erklärt er.

Später sei er deshalb auf andere Abenteuer aufgesprungen: „Ich bin dann den Bodensee durchgeschwommen“, sagt er. „Als bislang erster und einziger Luxemburger.“ Das sei schon besonders – etwa, weil man auf der ganzen Strecke nie das voraus fahrende Boot anfassen darf, etwa um sich auszuruhen. „Man muss immer schwimmen, auch beim Essen, Trinken oder ausruhen“, meint er. Offene Gewässer seien deshalb immer eine besondere Herausforderung – auch, weil das Wasser etwas kälter ist. „Aber das mag ich normalerweise eher, ich komme gut im kalten Wasser zurecht“, sagt Bertemes. Zwar sei das Risiko für Muskelkrämpfe höher, er selbst habe aber noch nicht darunter leiden müssen. „Draußen bin ich im Element Natur, das macht mir auch immer Spaß.“ Im kommenden Jahr will er aber nur 24-Stunden-Rennen in geregelten Bädern schwimmen und hat dabei neben vielen kleinen Events auch vier große Rennen im Visier. „Für 2020 schließlich habe ich mir ein neues Ziel im freien Gewässer gesetzt“, erklärt er. Welches, das sei noch geheim. Man darf also gespannt sein.

Mehr über die Events, den Sport im Allgemeinen und die Rennen,

die Bertemes bestreitet, unter schwimmkalender.de sowie mehr

zu den Events am Bodensee unter www.seechat.de

Updated: 16/12/2018 — 14:31
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